[vc_row][vc_column width=“2/3″][vc_column_text]Flieg, Gedanke – Höhenflüge und andere Fälle

Wie kann denn ein Kaktus fliegen?! – Wenn aber fliegen auch fallen bedeuten kann, was ja niemals auszuschließen ist, dann auf jeden Fall! „Der fiel mir aufs Gesicht, ob’s glauben oder nicht“, stellt Herr Krause in „Mein kleiner grüner Kaktus“ fest, der uns wieder Auftakt war zum jüngsten Konzert „Flieg, Gedanke“ im Speller Wöhlehof.

Fliegen – das alte Spiel zwischen Sehnsucht und Begeisterung – kann auch völlig irdisch sein, wie der „Onkel Bumba“ zeigt, der irgendwo in Kalumba, besessen von der Rumba, jede Nacht über die Tanzfläche fliegt. 1931 schrieb Herman Hupfeld – eher bekannt durch seinen Casablanca-Klassiker „As time goes by“ – Melodie und Text und parodierte damit die leidenschaftliche Begeisterung der Amerikaner für den kubanischen Modetanz. Aus dem „When Yaba plays the rhumba on the tuba“ formte der Österreicher Fritz Rotter, der eine ganze Reihe damals charakteristischer Nonsens–Texte („Mein Papagei frisst keine harten Eier“) schrieb, einen Text, der mit den kolonialen Vorstellungen von der Exotik fremder Länder spielte. Für uns bedeutete der „Onkel Bumba“, seit wir uns erstmalig mit Liedern der Comedian–Harmonists beschäftigten, immer ein respekteinflößendes Fernziel, eine echte Herausforderung, weil der Song mit seinen unterschiedlichen Ansprüchen den Nimbus der Unerreichbarkeit zu besitzen schien.

Um sanfte Töne, um Flüstern und Geflüster („Whispering“), um ein schönes Liebeslied („Whisper that I love but you“) geht es in dem nächsten Song, der seit 1920 unzählige Male gecovert worden ist.

Der Rhythmus hat es schwer, nicht nur weil er oft falsch geschrieben wird. „Brauche schnell hilfe wegen meinem schlaf rütmus“ war neulich im Internet zu lesen. Nimmt man dann noch die Versuchung hinzu, ihn mit Algo– und Logarithmus zu verbinden, wäre das verbale Chaos perfekt. Der Rhythmus in dem Lied „Liebesleid“ (Die Liebe kommt, die Liebe geht) ist von besonderer Art; wohl nicht unfreiwillig, driften doch beide Gefühlsregungen in zwei völlig unterschiedliche Richtungen. Während der Begleitchor munter im Dreivierteltakt voranschreitet, hält der Solist (Johannes) mit häufigen Synkopen den Gegenpart. Durch diesen bewusst gesetzten kontrapunktischen Wechsel von reinem Dreiertakt und besagter Hemiolen-Rhythmik entsteht ein ganz besonderer Reiz in der Melodiestimme. Nicht umsonst dient dieses Stück als Anschauungssmaterial für das niedersächsische Zentralabitur 2018 in Sachen Rhythmus (Liebesleid oder: Die geheime Polytonalität des Walzers).  Der Violinvirtuose Fritz Kreisler hat dieser Alt-Wiener Tanzweise 1910 zu unsterblichem Ruhm verholfen und Herbert Grönemeyer gab das Lied in den 80er Jahren gern als Konzertzugabe.

Bekannter als der „Onkel Bumba“ ist der Evergreen „Veronika, der Lenz ist da“, mit dem die Comedian Harmonists ab 1930 ihre größten Erfolge feierten. Das possenhafte Frühlingslied erklang bald aus allen Koffergrammophonen der damaligen Zeit. Das lag vor allem an der schwungvollen Melodik, dem flott-frivolen Text, aber auch an den schnell gesprochenen Textbausteinen „so-gar der lie-be gu-te al-te Groß-pa-pa“, schließlich auch an der überraschenden harmonischen Wendung mit Tonartwechsel (pa-pa-pa-pa-pa-pa). Verfasser auch dieses Textes selbiger Fritz Rotter, Komponist Walter Jurmann, beide jüdischer Herkunft, die wie viele weitere Talente Deutschland 1933 verlassen mussten.

Vorhang auf! Bühne frei – mit Blick auf Babylon, den Ort hebräischer Gefangenschaft in Verdis Oper „Nabucco“. Bennos motivierend-donnerndes Klaviervorspiel zum titeltragenden „Flieg, Gedanke“ holte das Publikum schlagartig aus der Pausenstimmung. Wer’s nicht kennt, kennt sicherlich die Trinkliedversion „Ja wir wollen so gern einen he-e-e-ben“. In dem Chorlied flehen die Hebräer am Ufer des Euphrat zu Gott, dass der Stern Davids sie wieder in die Heimat führen möge.

Nicht fehlen bei diesem Thema darf das Volkslied „Die Gedanken sind frei“, das immer wieder in Zeiten politischer Unterdrückung als Ausdruck für die Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit stand.

Von der Freiheit „Über den Wolken“ sang auch Reinhard Mey 1974. Einige seiner Lieder gehören inzwischen zu unserem festen Repertoire. In „Über den Wolken“ verbindet sich das Große mit dem Kleinen (grenzenlose Freiheit, der Sonne entgegenschweben mit Asphalt, Kaffee, „Luftaufsichtsbaracke“, Benzinpfützen u.s.w. als Spiegelung von Ängsten, Sorgen). Der Satz, den uns und sich selbst am Klavier Benno geschrieben hat, klingt wunderschön, ebenso dazu die sanft-lyrische Stimme unseres Baritons Antonius. Die Motive Freiheit und Sehnsucht spiegeln sich auch hier musikalisch in Vorhalt und Auflösung.

Höhepunkt im zweiten Teil der Auftritt von „Nicole“ alias Claudius Reinke mit „Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund“. In schwarz-weiß gepunktetem Rock und blonder Perücke, mit weißer Gitarre und vor allem im souveränen Besitz einer fast mädchenhaft-zarten Kopfstimme ein echter Lacherfolg!

Die obligatorischen Sicherheitsbelehrungen sollten jedem Fluggast bekannt sein. Und diese lieferten den „Stoff“ für den obligatorischen Sketch. Geschrieben hat ihn wieder einmal Franz–Josef in melodischer Adaption an Nicoles „Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund“. Die spielerische Umsetzung lustig, klamaukig und unwiderstehlich komisch. Technische Herausforderung: die auf Kommando herabfallenden „Sauerstoffmasken“. Eine Meisterleistung unseres Technikers Matthias Escher.

Mit „Flieg, Gedanke“ war nicht beabsichtigt, ein komplett neues Programm aus der Taufe zu heben, sondern Bewährtes mit Neuem anzureichern und zu veredeln. Einiges stammt aus „La Mer“, darunter z. B. der „Drunken Sailer“ oder das „Alohahe“, das Falk so individuell wie souverän musikalisch-stimmlich zu gestalten weiß. Darauf wollten wir nur ungern verzichten.

Am Ende langanhaltender Beifall und spontaner Zuspruch des Publikums. Dieses kurzweilige Konzert hat offenkundig allen Beteiligten ungemein Freude bereitet. Der Wöhlehof war mit über 200 Plätzen ausverkauft.

Johannes Leifeld

[/vc_column_text][/vc_column][vc_column width=“1/3″][vc_column_text]Franz-Josef Hanneken:

Fliegst du mit uns

(nach: Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund)

1. Unter ihrem Sitz da finden sie ein Fach.
Schauen Sie am besten jetzt gleich einmal nach,
denn wird Ihnen einmal schlecht,
speiend übel wie dem Specht,
ja dann kommt dieser Beutel g’rade recht.

Ref.: Fliegst du mit uns, du lieber Freund,
lehn dich nicht gleich bequem zurück,
denn hier oben lauert doch manche Gefahr!
Drum hör uns zu, du lieber Freund,
glaub uns, wir meinen’s gut mit dir,
denn von diesem Ort kommst du nicht fort,
mach dir das endlich klar.

2. Unter’m Beutel steckt die Weste griffbereit.
Nehmen Sie sich dafür bitte jetzt mal Zeit,
denn wenn man’s nicht gut erklärt,
wird der Fluggast nur verstört
und geht wohl, wenn’s nicht soll, was verkehrt.

3. Diese Weste bläst sich von alleine auf,
es sei denn, Sie missbeachten den Ablauf.
Der ist hinten aufgeführt.
Nur so geht es wie geschmiert.
Andernfalls wird leicht der Hals zugeschnürt.

4. Womöglich ist’s für die Notlandung nicht zu spät,
dann benötigt man ein Sauerstoffgerät.
Von der Decke fällt der Topf.
Stülpen Sie den  über’n Kopf.
Drücken Sie irgendwie dann den Knopf.

5. Legen Sie nun all die Dinge wieder weg,
denn jetzt gibt es was zu essen auf den Schreck.
Es gibt Ente mit Bezug,
dazu Saft im Plastikkrug
und dafür wünschen wir guten Flug.

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