Was macht der Herr da…? Dunkle Gestalten und lichte Augenblicke
Wieder einmal lädt die Gruppe „AufTakt“ zu einer musikalisch-literarischen Spurensuche ein. Diesmal begegnen ihr „dunkle Gestalten“ in – nicht immer – „lichten Augenblicken“. Die Spurensuche führt also in die Welt der Ganoven und Gauner! Dabei sind die Herren in Frack und Zylinder stets bemüht, sachdienliche Hinweise zu Unter- und Abgründigem zu geben, das sie mit detektivischem Spürsinn auch im scheinbar Harmlosen dingfest machen.
Da spielt der markante Tangorhythmus, der in den Hafen- und Rotlichtszenen von Buenos Aires seinen unaufhaltsamen Anfang nahm und seitdem auch als ein Synonym für kriminelle Energien gilt, eine zentrale Rolle. Also steht dieser besondere Rhythmus auch im Mittelpunkt dieses „kriminellen“ Programms und ist mit dem „Kriminal–Tango“, dem „Grusel–Tango“ und dem „Tango Korrupti“ gebührend vertreten.
Titelgebend allerdings ist eine Frage aus dem Lied der Viel-Harmoniker, ebenfalls tangorhythmisch unterlegt: „Was macht der Herr da…?“ Die besorgten Herren beobachten argwöhnisch eine eindeutig männliche Person in gewagter Nähe zu einem gewissen Fräulein Gerda und vermuten dabei Schlimmstes wie Harmloseres: „Könnte ein australischer Spion, ein Heiratsschwindler oder gar ein Wüstling – knapp vor der Exstase – sein!?“ Und bei all den furchtbar sorgenvollen Vorstellungen um das Fräulein Gerda immer wieder ein dumpfes tangorhythmisches Dum-dum, du-du-dum-dum, dum-dum-dum und die wiederkehrende und unter den Herren weitergereichte Frage „Was meinen Sie?“, die in versetzten verminderten Septakkorden gewissermaßen apriorisch im Raume stehen bleibt. Wir wissen inzwischen wohl, dass die Mimi ohne Krimi nie ins Bett geht, aber warum auch Kriminalromane eines Schutzumschlags bedürfen, erklärte auf Weise Dieter Vinke mit einem humorvollen Gedicht aus der Feder von Franz-Josef Hanneken. Im nächsten Stück (Telefonbuchpolka) – in sprachlich höchstem Schwierigkeitsgrad, wiewohl lockerer Souveränität vorgetragen von Johannes Leifeld – ging es um das klassische Motiv der Kriminalszene, um die Eifersucht. Der betrogene Ehemann, der seiner Frau nachspürt und dazu einen Privatdetektiv engagiert, der schließlich auf echt Kreislersche sarkastisch-witzige Weise das moralische Doppelleben unzähliger „Vaumänner“ aufdeckt. Aus den drei Aufnahmestudios (Wien: Peter Ridetzky, Zürich: Werner Vetterli, und München: Konrad Tönz) berichtete unter Beifallsstürmen wort– und akzentgetreu Olav Hameijnck, um die Zuhörer vor Langfingern und Einbrechern zu warnen. Nach der Pause ging’s dann in den Süden, nach Neapel, wo für viele Italien am schönsten ist. Waren nicht für dieses Programm auch „lichte Augenblicke“ versprochen? Was liegt da näher – dabei ist die Camorra gar nicht fern – als das Capri-Lied mit der Beschreibung einer unvergleichlichen Landschaft und im Anschluss daran eine Art Hommage an die italienischen Sprache in dem Viel-Harmoniker-Hit „Italienisch ist so wunderbar“. Von Reinhard Mey, dessen „Diplomatenjagd“ uns schon im letzen Konzert begleitet hat, kann man etwas über den Abbau von Vorurteilen lernen, denn der Mörder ist – weiß Gott – nicht immer der Gärtner. Diesmaliger Sketch war eine dialogische Szene „krimineller“ Art, in dem jedes verwendete Wort ausnahmslos mit dem Buchstaben „P“ zu beginnen hatte, so dass zum Beispiel das obligatorische Derrick-Zitat „Harry, hol den Wagen!“ durch „Partner, parke PKW!“ ersetzt wurde. Am Ende dann noch ein kurzes Übersetzen in den „Wilden Westen“. In „Do not forsake me oh my darling“ aus „High Noon“ lassen wir den monoton dumpfen Trommelschlag von der kontinuierlichen Bassstimme imitieren. Schließlich „As time goes by“. Ein insgesamt sehr fröhlicher und abwechslungsreicher Abend und bei allen „kriminellen“ Einlagen war ja auch ein Augenzwinkern versprochen und einzulösen oder – wie es Heinz Erhardt auf seine Weise einmal formuliert hat:
„Das Leben kommt auf alle Fälle aus einer Zelle,
doch manchmal endet’s auch – bei Strolchen – in einer solchen.
Trotzdem, einen Wermutstropfen gab’s dann doch: Abschied von P. Olav Hemelijnck, der als Oberer von Handrup nach Oberhausen zur dortigen Kommunität wechselt. Wir wünschen ihm bei seiner Arbeit viel Erfolg und Gottes Segen.

Johannes Leifeld

Franz – Josef Hanneken
Schutzumschlag

Ach, die Gauner und die Diebe,
Heiratsschwindler ohne Liebe
und die Nepper, Bauernfänger,
Räuber, Raffer, Hehler, Hänger,
die Ganoven, Hinterträger,
Spießgesellen, Stäbesäger
Hinterzieher und Verräter,
Spitzel, Wiederholungstäter,
Schlitzohr’n, Schlepper und Schlawiner,
Pferdetäuscher, Halbweltdiener,
Lügner, Lästerer und Schläger,
falsche Doktortitelträger,
Panscher, Paten und Piraten,
Meineidschwörer, Teufelsbraten,
Zocker, Gängster, Geldeinstreicher,
Panzerknacker, Erbschaftsschleicher
und die Ärgerniserreger,
Notenfälscher, Bombenleger,
Aufwiegler und Rädelsführer,
Schmierlappen und Missgunstschürer –

Kurz und etwas auf die Schnelle:
Hier gemeint sind Kriminelle;
diese sehen wir am besten –
gar nicht – oder in gestreiften Westen
und gefassten Eindruck machen
im Gemäuer mit den Wachen
(hinter schwedischen Gardinen
gönnt gesiebte Luft man ihnen)

oder aber in den Zeilen,
die als Krimi uns mitteilen,
wie es dazu konnte kommen.
Und so nehmen wir beklommen
jene Bücher, jene Bände
zitternd, bebend in die Hände –
kaum, dass man sie öffnen mag –
darum heißt’s auch „Schutzumschlag“.